Was Sie schon immer über Scham wissen wollten

Besprechung

P.S. 11

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25 21.03.2025 Kultur

«Was Sie schon immer über Scham wissen wollten»

Fertig lustig

Genug der Poetisierung der eigenen Biografie. Gegen Scham hilft allein Konfrontation. Im Film steht Letizia Fiorenza in Gibellina, dem Beton gewordenen Mahnmal für eine verschüttgegangene Katastrophe. Sinnbildlicher gehts nicht. Mit «Was Sie schon immer über Scham wissen wollten» bohrt sie tief in die eigenen Abgründe. Die Leichtigkeit früherer Musiktheaterstücke, in denen Biografisches mittels Poesieüberführung in eine Balance aus Schwermut und Lebensmutüberführt wurde, weicht hier einer analytischen Konfrontationstherapie. Die Sprache bleibt weitgehend verschriftlicht, die Gesänge in voritalienischen Dialekten erinnern an Klagelieder. In einer albanischstämmigen Familie war sie als Kindschon fremd in Apulien, erlebte das ewige Umziehen nicht etwa als Chancenreichtum, sondern als Hin- und Hergeschobenwerden. Aufgewachsen mit der Familienmaxime «lieber hungern als sich schämen», wurde ihr das vorauseilende Wegducken auf den Leib geschrieben. Auf das knappe Nein zur Überfremdungsinitiative in den 1970ern folgte vierzig Jahre später ein knappes Ja zur Masseneinwanderungsinitiative und schon bald soll unter dem Deckmäntelchen der Nachhaltigkeit die Xenophobie erneut als vermeintliches Sachgeschäft einem Volksverdikt unterzogen werden. Kein Anlass für eine poetische Überhöhung, sondern mit ein Auslöser für die Überwindung der lebenslang eingeübten Zurückhaltung. Wie viele Res es insgesamt sein werden, wenn dannzumal erneut ins selbe Trauma grätschende Slogans von Plakatwänden hängen werden, ist längst nicht mehr eruierbar. Aber es sind zu viele, um darüber zu schweigen. Weshalb sie mittels psychoanalytischer Intervention die überaus komplexe, mitunter sogar paradoxe Wirkmacht einer steten Stimulation von verinnerlichter Scham anspruchsvoll theoretisch vortragen lässt. Vielleicht nicht besonders prädestiniert für ein Bühnenstück, aber als aufklärerischer Weckruf sehr einprägsam. froh.